Hepatitis C in der Risikogruppe MSM

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Hepatitis C wird in der schwulen Community häufig vor allem mit den etwas heftigeren Sexualpraktiken wie z.B. dem Fisten in Verbindung gebracht, wo es schnell mal zu kleineren Verletzungen bzw. Blutungen kommen kann. Da das Hepatitis C-Virus vorrangig durch Blutkontakt übertragen wird reichen hier auch schon kleinste, mit dem bloßen Auge kaum sichtbare Verletzungen aus. Dies gilt z.B. auch für nicht ausgeheilte Schnittverletzungen an der Hand. Ebenso stellt der intravenöse Drogenkonsum ("slammen") beim Chemsex ein hohes Übertragungsrisiko dar, wenn z.B. Spritzen untereinander mehrfach genutzt werden oder beim intranasalen Gebrauch von Drogen ("schniefen") die Röhrchen geteilt werden.

In letzter Zeit häufen sich aber Meldungen, dass sich auch Personen mit Hepatitis C infiziert haben, die einfach nur normal gefickt haben und keine verletzungsträchtigen Sexualpraktiken oder nasaler/intravenöser Drogenkonsum im Spiel waren. Diese Meldungen werden von jüngeren Studien untermauert, wonach das Hepatitis C-Virus sowohl im Darmschleim, Sperma als auch im Kot nachgewiesen wurde, wenn auch nicht bei jeder infizierten Person. Abhängig von der Virenlast des Infizierten (10 bis 20 Virenpartikel können für eine Infektion bereits ausreichen) ist in solch einem Fall also auch über diesem Wege eine Ansteckung möglich, sowohl für den aktiven als auch für den passiven Partner:

  • Beim Abspritzen eines infizierten Tops in den Arsch eines Bottom kann eine Übertragung über die Darmschleimhaut erfolgen, wenn das Virus in ausreichender Menge im Sperma vorhanden ist.
  • Der Top kann sich bei einem infizierten Bottom anstecken, wenn Viren im Darmschleim durch die Schleimhaut vom Schwanz (Vorhaut und Harnröhre) eindringen, ebenso bilden aber auch kleine Wunden oder Risse in der Haut vom Schwanz (z.B. durch heftiges bzw. ausdauerndes Ficken) ein Einfallstor.
  • Sollte sich der Bottom nicht genügend gespült haben und Kotreste am Schwanz kleben (kann immer mal passieren), besteht u.U. auch hier ein Übertragungsrisiko für den Top, wenn er seinen Schwanz nicht säubert.
  • Sollten andere STIs vorliegen (z.B. eine rektale Infektionen mit Tripper), besteht ebenfalls eine erhöhte Gefahr einer Übertragung, da die Schleimhaut an entsprechender Stelle gereizt bzw. durch die STI-Infektion bedingt "durchlässiger" ist.

Diese Sachverhalte sollte man jetzt weder dramatisieren aber auch nicht verharmlosen. Es ist einfach eine Tatsache, die man auf dem Schirm haben sollte. Auch wenn Hepatitis C zwar in den allermeisten Fällen dank neuer Medikamente heilbar ist, bedeutet eine Infektion doch erstmal einen erheblichen Einschnitt ins persönliche Leben, da mit einer Behandlung erst sechs Monaten nach Feststellung der Infektion gestartet werden kann. Rechnet man dann noch die zwei oder drei Monate Behandlungsdauer hinzu ist schon fast ein dreiviertel Jahr vergangen, bis man nicht mehr potenziell ansteckend ist. Hier stellt sich dann auch die Frage, ob und wie man eine vorliegende Infektion seinen Sexpartnern vermittelt, selbst wenn beim Sex z.B. Kondome verwendet werden.

Denn auch die Verwendung von Kondomen oder Handschuhen (beim Fisten) bieten unter bestimmten Gegebenheiten nur einen bedingten Schutz gegenüber Hepatitis C. Dazu muss man wissen, dass das HepC-Virus sehr lange infektiös bleiben kann. Unter Raumluft sind es bis zu vier Wochen, im Kühlschrank bei 4°C wurden sogar schon 150 Tage durch eine Studie dokumentiert. Was bedeutet das jetzt für die Risikogruppe MSM im Speziellen?

Fallbeispiel #1: Stell Dir eine kleine private Sexparty vor. Du hast jemanden gefickt und hast entsprechend Darmschleim und Gleitgel am Schwanz kleben. Vielleicht gab es auch kleinste kaum sichtbare Verletzungen an der Darmwand, es hat minimal geblutet und Du hast diese kaum sichtbaren Blutspuren am Schwanz haften. Ob nun mit oder ohne Kondome gefickt wurde ist für dieses Fallbeispiel erstmal nicht so relevant.

Du bist mit dem Ficken fertig, wichst nochmal zum Abschluss  kurz Deinen Schwanz und greifst zu einer Wasserflasche neben Dir, um was zu trinken. Spuren vom Gleitgel, Darmschleim und ggf. den Blutspuren gelangen so zusammen mit dem Virus an die Wasserflasche. Du stellst die Wasserflasche anschließend zurück. Ein anderer Partygast greift sich später diese Flasche ebenfalls und hat diese HepC-Viren nun ebenfalls an seiner Hand. Er wichst seinen Schwanz hart, um einen anderen Partygast zu ficken. Das Virus klebt nun an seinem Schwanz (oder ggf. Kondom) und wird dadurch womöglich weiter übertragen. Hier liegt also eine potenzielle Übertragungsmöglichkeit vor. Der Top (also der aktive Ficker) hat im obigen Szenario ungewollt als Träger der Viren von einem Bottom zum anderen Bottom beigetragen.

Man sollte im Hinterkopf haben, dass die Wasserflasche im obigen Fallbeispiel auch noch nach Tagen ein potenzielles Risiko darstellt. Ob es tatsächlich dazu kommt hängt natürlich auch von der Virenlast des Infizierten sowie den Begleitumständen selbst ab. Und die Wasserflasche lässt sich natürlich durch beliebige andere Dinge ersetzen, die man auf Sexpartys gemeinsam benutzt… den Gleitmitteltopf, Sextoys, etc

Fallbeispiel #2: Du bist in der Schwulensauna oder im Sexclub unterwegs und cruist durch die Gänge. Es liegt jemand im Sling, der (unbekannterweise) mit Hepatitis C infiziert ist. Du möchtest diesen Typen gerne fisten. Handschuhe übergezogen und los geht der Spaß. Es gab beim Fisten kleinste Verletzungen im Darm, nicht weiter tragisch. Aber dadurch kleinste Blutspuren auf dem Handschuh. Fast nicht zu sehen, erst recht nicht im dunklen Licht einer Kabine im Sexclub oder der Sauna.

Während des Fistens hast Du mehrmals die Ketten vom Sling angefasst und auch als der Typ sich nach dem Fisten vom Sling erheben wollte, hast Du ihn dabei die eine Hand gereicht und Dich mit der anderen Hand an der Kette festgehalten. Minimale Spuren vom Hepatitis C-Virus in Kombination mit dem Sekret des Darmschleims und Gleitgel/Gleitfett haften nun an der Kette und bleiben über Tage, ja sogar Wochen infektiös.

Solche Ketten werden vermutlich wohl kaum regelmäßig vom Reinigungspersonal desinfiziert - wenn überhaupt. Ein paar Tage später liegt ein anderer Typ im Sling, der gefickt werden möchte. Der Top kommt dazu, greift mit seiner Hand an die Kette um den Typen im Sling vielleicht erst noch zu küssen oder ein paar versaute Worte ins Ohr zu flüstern, rollt sich dann mit seiner Hand ein Kondom rüber, mit der er vorher noch an die Kette gefasst hatte. Die Kette lässt sich natürlich auch gegen die Matratze in der Kabine oder den an der Wand hängenden Gleitmittelspender mit Druckhebel austauschen.

Fallbeispiel #3: Auf einer Sexparty wird eine Ampulle Ketamin (Chemsex) oder Androskat ("Schwanzspritze") geteilt. Ein Partygast setzt sich seine Spritze an und merkt direkt, dass er daneben gestochen und zieht mit der gleichen Spritze nochmal aus der Ampulle nach. Sollte derjenige unwissentlich mit Hepatitis C infiziert sein, kann so die Ampulle kontaminiert werden. Solche Ampullen werden ja gerne im Kühlschrank gelagert, das Hepatitis C-Virus bleibt so bis zu 150 Tage lang infektiös. Wenn die Ampulle dann z.B. nach zwei Monaten wieder aus dem Kühlschrank geholt wird, hat keiner mehr auf dem Schirm, wer womöglich dort schon alles dran war und unbeabsichtigt vielleicht eine Spritze mehrmals verwendet hat.

Was bedeutet das jetzt für uns? Es empfiehlt sich, sich öfters bzw. unmittelbar nach dem Ficken oder Fisten die Hände/Arme zu waschen bzw. eine kurze Duschpause zu genehmigen (die kann man ja ggf. mit dem Sexpartner auch zusammen machen). Dabei auch den Schwanz gründlich waschen (Vorhaut zurückziehen nicht vergessen). Sextoys sollten ebenso gründlich gereinigt werden, wenn diese im Gebrauch waren.

Waren Unterlagen (z.B. Gummimatte) mit im Spiel? Dann diese bitte ebenfalls reinigen. Auch schadet es nicht, im Sexclub oder in der Sauna die Kabinenmatratze abzuwischen bzw sein Handtuch drunter zu legen. Auch wenn die Kabinenmatratze durch bloßes Abwischen mit einem Zewatuch alles andere als wirklich desinfiziert ist, so bringt es doch mehr als sich einfach so auf die Matratze oder in den Sling zu legen ohne zu wissen, welche Körperflüssigkeiten dort vom Vorgänger drauf gelandet sein könnten.

Spritzen wirklich immer nur einmal benutzen bzw. immer nur seine eigenen Ampullen von z.B. Ketamin oder Androskat verwenden. Man weiß nie, wer noch alles die Ampullen in den zurückliegenden Monaten benutzt haben könnte, wenn man fremde Ampullen benutzt.

Obige Fallbeispiele stellen zum Glück nicht die primären Übertragungswege dar, der ist weiterhin der direkte Blutkontakt. Aber angesichts der Tatsache, dass sich die Infektionsfälle von sexuellen Übertragungswegen häufen, sollte auch bei obigen Fallbeispielen bzw. bei vergleichbaren Szenarien eine höhere Aufmerksamkeit einsetzen.